P. Lucius Fetz OSB
Conventional des Stiftes Einsiedeln
19.03.1870 - 28.11.1931







Brief an Spiritual P.Wilhelm Sidler, Menzingen 25. Nov 1905

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Brief an Spiritual P.Wilhelm Sidler, Menzingen 25. Nov 1905


Fribourg, 25.XI.05
Hochwürdiger Herr Spiritual!
Teuerster Herr!


Obwohl morgen Predigtsonntag (für mich) eintrifft, will ich doch kurz Ihnen schreiben. Allerding hätte ich sehr viel zu erzählen, zu danken u. auch zu raisonieren. Letzteres will ich aber unterlassen, da es nun doch besser zu werden scheint mit dem t. Herrn Erzbischof, - freilich nicht zu meiner persönlichen Bequemlichkeit. Ich habe nämlich gestern Abend die sichere Kunde erhalten, dass Rmus P. Raymund Sonntag abends in Einsiedeln eintrifft und mehrere, vielleicht 8 Tage dort bleibt. Da früher seine feste Meinung u. Absicht war (trotz vieler Gegengründe und trotz seines sehnlichsten Wunsches) Einsiedeln nicht zu besuchen, wenn ihm keine Hilfe gegeben werde: so glaube ich, meine Schulbank bereits wackeln zu hören. Zudem vernahm ich, man (wer?) sei in Einsiedeln geneigt, mich ziehen zu lasssen (?)- Diese Wendung vermöchte erst die Kunde zu bewirken, P.R. komme nicht nach Einsiedeln. Sofort schrieb er Rmus Abt Thomas eine dringende inständige Einladung nach Erzingen, die auch angenommen wurde. Was in der Einladung versprochen wurde ist mir freilich nicht bekannt. Sie sehen aber doch, dass ich jetzt einigen Grund zur Angst u. dass Sie einen Grund mehr haben für mich zu beten. Im übrigen bin ich trotz allzu vielen Schimpfens über die Stellung des Klosters und trotz vielen Kummers der letzten Monate noch so gestimmt wie am 7. September: Die Aussicht auf Rumänien macht mir grossen Kummer, aber wenn der Abt ausdrücklich befiehlt, so gehe ich auch jetzt noch mutig umsomehr als ich einem teuren Mitbruder auf rauem, aber herrlichem Arbeitsfeld helfen kann, helfen wie der Kapuzinerbruder an der Kanzelstiege.
Bis jetzt ist der Marschbefehl noch nicht erschienen und so sage ich hier u. auch in Menzingen sonst nichts davon.
Von Rom wollte ich Eu. Hochw. gerne erzählen, wie der hl. Vater sich erkundigt ob ich nach Rumänien zurückkehre, wie das Fest auf dem Aventin u. die hehre Bischofsweihe mich ergriffen, wie der H. Erzbischof so lieb u. gut u. einfach gegen mich war, wie ich ihm in der ersten hl. Messe nach der Weihe auf dem Grabe von St. Peter assistiert habe, ich würde Ihnen gern erzählen, wie wohl es mir getan unserem Hochwürdigsten gnädigen Herrn in der hl. Stadt so oft sprechen zu können nach dem schweren Jahr (Amerika, Technikum etc. etc.), wie er so ausserordentlich und zuvorkommend gegen mich, wie er ganze Tage mir Rom zeigte u. Monte Cass. mir anerbot:- das hat mich mit manchem wieder ausgesöhnt. Und von Rom, wo ich unter der Ungewissheit meiner Zukunft u. unter der trüben Aussicht des allein gelassenen H. Erzbischofes nicht wenig litt, habe ich doch neben diesem Schmerz auch viel Mut, u. Bereitwilligkeit für meine jetzige Stellung mit heimgekramt, u. ich brauche mich nur z.B. an das Colosseum zurückzuerinnern, so scheint mein Leid so unendlich klein, wie der Beschauer im Verhältnis zu den gewaltig hohen und dicken Mauern, u. das Gebet der Römerheiligen wird mir stets eine mächtige Stütze sein.
So mögen die nächsten Tage eine gute Entscheidung über mich bringen: ich kann nicht sagen: ruhig will ich sie entgegennehmen, aber gefasst und mit Gottes Gnade mutig will ich bleiben.
Habe ich doch auch in der grossen Prüfung des 16. November u. der folgenden Tage von so vielen Seiten Trost und Erleichterung gefunden, so weit es möglich ist am Grabe einer teuren lb. Mutter. Ihr lb. Brief teuerst. Herr Pater, Ihre Gebete u. die hl. Messe waren für mich, für uns Alle nicht nur der Zeit nach die ersten, sondern auch dem Worte nach. Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen u. mein Gebet soll diesen Dank entrichten helfen. 6 Priester (ausser den 2 Söhnen) begleiteten die teuerste Mutter zu Grabe, auch R.P. Sigisbert war dabei. Nie hatten die St. Johannesglocken in Ems so traurigen Klang gehabt, wie am 18. d.M. Als wir den unvergessl. lb. Vater hinauf begleiteten auf den stillen Gottesacker, hatten wir doch noch eine lb. Mutter in unserer Mitte u. jetzt sind wir sechs in verschiedenen Orten und vielleicht bald in verschiedenen Ländern. Doch dafür sind wir ins Kloster, um alles zu verlassen. Beten Sie also für mich!
Gerne hätte ich Ihnen heiterer geschrieben, es wir wohl wieder ein tempus ridendi kommen, wenigstens in der andern Welt.
Der wohlehrw. Frau Mutter etc. werde ich etwa bald schreiben. -Dem hochw. P. Chrysost u. R.D. Katechet frdl. Grüsse u. besten Dank.
Was machen meine Kirchenväter? Für 44 frs. Sind sie feil!- In herzl. Liebe u. dankb. Hochachtung

Ihr ergeb. P. Lucius OSB
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